Im Interview: Uwe Steuber

In Im Interviewby Waldeckische Landeszeitung

„Schnell wieder Perspektive geben“

Sportkreis-Vorsitzender Uwe Steuber zum Stillstand im organisierten Sport
Er macht sich Sorgen über die Folgen des sportlichen Stillstandes: Sportkreis-Vorsitzender Uwe Steuber. Archivfoto: Kaliske/nh

VON THORSTEN SPOHR

Waldeck-Frankenberg – Dass der organisierte Sport in Deutschland einmal komplett stillsteht, hat sich Uwe Steuber in seinen „kühnsten Träumen nicht vorstellen können“. Der Vorsitzende des Sportkreises Waldeck-Frankenberg erlebte im Urlaub in Cuxhaven, wie das öffentliche Leben Stück für Stück eingestellt wurde – und brach den Urlaub schließlich ab.

Mit Steuber sprachen wir über den sportlichen Stillstand und die sozialen Folgen – gerade für Kinder und Jugendliche. Er sagt aber auch: Zu den Maßnahmen gibt es keine Alternativen.

Der Sportkreis Waldeck-Frankenberg hat 68 709 Mitglieder, organisiert in 323 Vereinen. Und plötzlich steht alles still. Das war bis vor Kurzem undenkbar, oder?

Ja, das ist so. Und wenn das wie ich befürchte, mehrere Wochen dauert, dann ist das sehr nachteilig. Bewegung und Sport gehören zum gesellschaftlichen Leben dazu. Das bricht wie so vieles gerade komplett weg.

Haben Sie Angst vor den Folgen, die dieser sportliche Stillstand hat?

Ich habe große Bedenken, dass die Kinder und Jugendlichen, die sich austoben müssen, ihre Kraft woanders loswerden müssen. Unabhängig davon, dass der Stillstand für alle Sportler gesundheitliche Nachteile mit sich bringt, fehlt auch der kommunikative Austausch. Für viele, gerade Ältere, ist der Sport eine wesentliche Möglichkeit zur Kommunikation.

Aber: Vom Eltern-Kind-Turnen bis zur A-Jugendmannschaft ist doch gerade der Kinder- und Jugendsport betroffen. 16 044 Kinder und Jugendliche sind Mitglieder in den Vereinen …

Ja, das ist eine sehr große Bandbreite. Damit bricht auch ein großes Betätigungsfeld weg, das Jugendliche brauchen, um zum Beispiel in der Pubertät ihre Aggressionen loszuwerden. Nicht umsonst sind bei uns im Sportkreis Kampfsportarten gut nachgefragt. Selbst der gute alte Straßenfußball droht ja nicht mehr möglich zu sein, wenn es zu einer Ausgangssperre kommt. Und es haben nicht alle Familien einen eigenen Garten, wo man sich ein wenig bewegen kann.

Der Sport erfüllt auch wichtige Aufgaben in Sachen Integration und Sozialarbeit. Auch das entfällt wochenlang …

Ja. Und das betrifft viele Bereiche des Sports. Beispielsweise fragen viele Eltern mit Migrationshintergrund händeringend nach, wo ihr Kind Fußball spielen kann. Für viele ist das ja der einzige Ort neben der Schule, wo sie Deutsch sprechen und lernen. Man wird in dieser Situation deutlich merken, wie groß die Bedeutung des Sports in unserer Gesellschaft ist – und wie wichtig das immer wieder schnell totgesagte Vereinsleben ist.

Es geht nicht nur um Familien mit Migrationshintergrund: Für viele Kinder und Jugendliche aus problematischen Verhältnissen ist der Sport einer der wenigen zuverlässigen Anker in ihrem Leben. Wie soll so was nun aufgefangen werden?

Das ist eine gute Frage. Da mache ich mir auch Sorgen. Diesbezüglich werde ich mit dem Landessportbund nächste Woche Kontakt aufnehmen, ob es hier irgendwelche Ideen gibt. Die Sozialarbeiter werden das alleine nicht schaffen.

Werden die sozialen Folgen in der Gesellschaft gerade unterschätzt?

Unterschätzt weiß ich nicht. Sie müssen eher billigend in Kauf genommen werden, weil die Gesundheit eben deutlich höher einzuschätzen ist. Wir müssen da jetzt durch und uns dem unterordnen.

Gab es wirklich keine Alternative zu diesem Kahlschlag? Warum öffnet man nicht wenigstens Sportplätze, um wenigstens im Freien Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten zur organisierten Bewegung zu bieten?

Ich nehme die Meldungen aus Südtirol ernst, wo man deutlich gesagt hat: Wir haben das Ganze unterschätzt. Ich finde es richtig, dass man jetzt den Strich macht. Wir müssen jetzt die Vorgaben der Politik umsetzen.

Spricht da jetzt der ehemalige Bürgermeister?

Da spricht einfach der verantwortungsvolle Bürger, der außerdem in seinem Bekannten- und Familienkreis viele ältere Personen hat. Ich wage es mir nicht vorzustellen, was passiert, wenn sich da jemand infiziert, insbesondere auch im Hinblick auf die Folgen einer notwendigen Quarantäne. Sport hin und Sport her: Die Gesundheit dürfen wir nicht aufs Spiel setzen. Aber: Wir müssen jetzt die Zeit nutzen und schauen, Lösungen zu suchen, wo es möglich ist.

Was rät der Sportkreis seinen Vereinen in dieser Situation?

Bislang hat mich kein Verein angerufen, auch in der Geschäftsstelle war es bisher ruhig. Durch die kommenden Wochen müssen wir jetzt erst einmal einfach durch. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Vereine Gedanken machen, wie es weitergeht. Wir müssen versuchen, den Vereinen und Sportlern schnell wieder eine Perspektive zu geben.

ZUR PERSON

Uwe Steuber (57) ist seit 2012 Vorsitzender des Waldeck-Frankenberger Sportkreises. Der Korbacher war bis Februar dieses Jahres Bürgermeister der Stadt Lichtenfels. Steuber ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

HINTERGRUND

Landrat Reinhard Kubat: Entscheidung war keine leichte

Das sagt Landrat und Sportdezernent Dr. Reinhard Kubat zur Schließung der Sportanlagen: „Natürlich spielen Bewegung, Sport und Spiel für den Ausgleich und die Entwicklung gerade von Kindern und Jugendlichen eine große Rolle. Die Entscheidung, wegen des Coronavirus auch die Sportstätten in Waldeck-Frankenberg zu schließen, war keine leichte – aber eine von vielen notwendigen Entscheidungen, die die Politik in dieser bisher nie da gewesenen Situation so treffen musste. Uns ist klar, dass manche Entschlüsse – insbesondere die, die das soziale Leben einschränken – nicht immer gleich verständnisvoll aufgenommen werden. Aber: Wir haben eine Verantwortung für die Bürgerinnen und Bürger im Landkreis und für ihre Gesundheit – insbesondere auch für die der Kinder und Jugendlichen. Diese nehmen wir sehr ernst. In der aktuellen Situation ist jeder von uns angehalten, soziale Begegnungen einzuschränken, die beim gemeinsamen Sport zwangsläufig entstehen. Wir gehen diese Schritte, weil sie notwendig sind und hoffentlich langfristig helfen, um die Ansteckungen einzudämmen. Ich kann nur an das Gemeinschaftsgefühl und die Solidarität aller in Waldeck-Frankenberg appellieren. Wir müssen diese Einschränkungen jetzt gemeinsam ertragen, um möglichst schnell eine Rückkehr ins normale Leben zu ermöglichen.“  tsp

Quelle

Waldeckische Landeszeitung

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Die Waldeckische Landeszeitung ist die Heimatzeitung des TSV 1850/09 Korbach e. V. Sportredaktion: Gerhard Menkel (Leiter), Manfred Niemeier, Werner Spitzkopf, Jürgen Heide, Reinhard Schmidt und Dirk Schäfer.

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